Neues - Kurzprosa: Stigmata.
Es hätte so schön weiterplätschern können. Doch dann wachst du auf und musst dich plötzlich entscheiden. Nein, nicht nur, welche Unterhose je nach Stimmung und Wetterlage denn heute die richtige ist. Noch bevor du die Augen aufschlägst, weißt du, es geht um mehr. Es geht um dich und dein Leben. Eben das, was da vor dem Einschlafen noch geplätschert hat. Monate-, ja jahrelang. Jetzt klopft es eher, da in deinem Kopf. Es ist kein vorsichtiges, leises Klopfen, als wünsche jemand gnädigen Einlass in dein Hirn. Auch wenn du nie in einem Schmiedewerk warst – die Geräuschkulisse kannst du dir jetzt lebhaft vorstellen. Als du vor dem Spiegel stehst, siehst du es sogar. Irgendwer, oder vielleicht "irgendwas", hat dir über Nacht quasi die Stirn tätowiert. Datum, Uhrzeit, Ort – Entscheidungen wollen getroffen werden. Ja, richtig – gleich mehrere auf einmal. Die wollen nicht warten, bis du Zähne geputzt und geduscht hast. Die geben erst Ruhe, wenn du dich – na klar – entschieden hast.
Der Tag ist jedenfalls gelaufen. Noch vor dem Mittagessen verfällst du in selbstzweifelndes Grübeln. Was ist denn auf einmal so anders? Du warst doch bisher immer in der Lage, in derartigen Situationen Kopf und Bauch einfach arbeiten zu lassen. Antworten zu sehen, auch wenn der Turm der Fragen vor dir noch so hoch war. Alles in deinem Leben hat sich irgendwie "ergeben", ohne dass du dich quälen musstest. Dich und deinen Kopf, in dem es so schön plätscherte. Selbst wenn es gegen den Rest der Welt ging, der Weg war immer vorgegeben. Gegen den Strom zu schwimmen – eine deiner leichtesten Übungen. Aber doch bitte nicht in so einem trüben Gewässer…
Nach gefühlten zwanzig Tassen Kaffee hat sich das Klopfen offenbar multipliziert und bricht sich an den Wänden um dich herum. Wie Ohrfeigen klatscht es dir ins Gesicht und schüttelt dir die Gedanken aus dem Kopf. Die meisten davon halten sich an fetten Fragezeichen fest, während sie vor deine Füße fallen. Du versuchst noch, den einen oder anderen aufzufangen, aber sie gleiten durch deine schweißnassen Hände und machen beim Aufprall ein sehr trauriges Geräusch. Am Ende stehst du bis zu den Knien in dem, was du einmal als dein Leben bezeichnet hast. Nichts davon ergibt mehr Sinn. Nichts davon scheint im Geringsten brauchbar zu sein, um den ungeduldig wartenden Entscheidungen alsbald zu begegnen. Du watest durch den wimmernden Haufen und schaffst es schließlich bis zur Tür. Dort angekommen, mit dieser plötzlichen Halbleere im Kopf, fallen sie dir wieder ein – deine Freunde. Die kannten sich doch immer ganz gut mit dir aus. Vielleicht wissen sie Rat, auch unter diesen Umständen. Die Erkenntnis, dass du wirklich dringend Hilfe brauchst, flattert wie ein aufgescheuchter blasser Falter vor deiner Nase herum, während hinter dir die Tür ins Schloss fällt.
Auf halber Treppe wirst du jäh gestoppt. Ein hektisch diskutierendes Grüppchen Treppenhausphilosophen versperrt dir den Weg. Als sie die Hinweise auf deiner Stirn entdecken – du hattest sie durch das brutale Klopfen im Hirn schon fast vergessen - dreschen sie dir ihre vorgespülten Phrasen um die Ohren (die sie Aphorismen nennen), denn sie wissen es ja sowieso besser und überhaupt. Was bisher ein willkommener Teil des Plätscherns in deinem Inneren war, empfindest du in diesem Augenblick nur noch als unerträglich und zeitraubend. Doch du bist viel zu verwirrt, um jetzt auch noch wütend zu werden. Während du dich zwischen ihnen hindurch drängelst, lässt du ein paar Ja’s auf die Stufen fallen, die deine Finger aus der Hosentasche geangelt haben. Dass du bisher alles andere als ein Ja-Sager warst, erweist sich in diesem Augenblick tatsächlich als Vorteil. Wie Geier fallen die auf Bestätigung fixierten Seelen darüber her, und du verschwindest durch die Haustür.
Da stehst du nun, auf der Straße, und bist dir gar nicht mehr so sicher, ob du dich in diesem Zustand überhaupt unter Menschen wagen solltest. Was, wenn alle anderen auch sehen, was dir ins Gesicht geschrieben steht? Was wenn sie mit dem Finger auf dich zeigen, lachen und sich lauthals an deiner Misere erfreuen? "Guckt mal, der da, der muss sich entscheiden! Na, so wie der guckt, hat er wohl ein Problem damit…". Als wärst du der Einzige, der sich einmal in seinem Leben nicht… Genau! Du bist garantiert nicht der Einzige. Dein Blick arbeitet sich von Passant zu Passant, suchend nach anderen tätowierten Köpfen. Doch bis auf ein paar Mützenträger, bei denen du dir nicht ganz sicher bist, scheint keiner dein Schicksal zu teilen. Die graue Masse rennt an dir vorbei und dir fällt das Plätschern wieder ein. Bis gestern noch wärst auch du in der Menge nicht aufgefallen. Du hast dein Leben gelebt, so wie es dir richtig erschien. Du hast gegessen, getrunken, geschlafen, geliebt und geträumt - und dich dabei auf den steten Singsang deiner inneren Stimme verlassen. Erst jetzt, da sie nicht mehr mal mehr ein hilfloses Krächzen zustande bringt, siehst du dich nach den anderen um. Doch anstatt dich anzustarren und auszulachen, laufen sie vorbei, ganz mit sich selbst beschäftigt. Ob sie dabei ein Plätschern oder ein Klopfen hören, wirst du wohl nicht herausfinden...
Irgendwas nimmt dir auf einmal den Atem. Als ob das Hämmern in deinem Hirn nicht schon Qual genug wäre, fühlst du den Strick, der um deinen Hals liegt. Angst und Zeit ziehen abwechselnd an beiden Enden und du meinst, sie miteinander tuscheln und kichern zu hören. Was sie sagen, verstehst du nicht, aber ein Wort klingt deutlich hervor: "Entscheiden!". Der Drang nach Befreiung und Erlösung treibt deine Füße voran. Ein einzelner Gedanke huscht wie eine geflügelte Fee vor deiner gezeichneten Stirn herum und weist dir den Weg. Runter zum Fluss, da musst du hin. Dort, wo die Zeit stillsteht, wo die Luft so klar ist, dass jegliche Angst verfliegt. Dort, wo deine Freunde sind. Dort wird man dir helfen, dort wirst du Ruhe finden und das Klopfen wird aufhören.
Das Flussufer liegt verlassen vor dir. Nur ein paar Kröten quaken einen Choral der Langeweile, aber das kannst du nicht hören. Das Klopfen ist inzwischen so stark, dass deine Schädeldecke rhythmisch bebt. Keiner deiner Freunde ist da. Du schickst einen fragenden Blick in den Himmel. Was die Leute auf der Straße nicht fertig brachten, erledigt jetzt die Sonne. Sie lacht dich aus. Sie lässt den Fluss flimmern und mit ihren Strahlen malt sie alberne Kringel in die Landschaft. Eindeutiger kann es nicht mehr werden - du bist vollkommen allein. Was bleibt dir jetzt noch? Als wollten sie dir diese letzte Frage beantworten, rollen Tränen über dein Gesicht. Entkräftet hockst du dich ans Wasser und schaust auf die spiegelnde Oberfläche. Ein tätowiertes Gesicht jammert dich an. Minutenlang bildest du mit ihm ein Duett der Trostlosigkeit. Doch während du den Tränenschleier von einer Seite zur anderen zu schieben versuchst, fangen die Zeichen auf deiner Stirn plötzlich an, sich zu bewegen. Nein, sie bewegen sich nicht wirklich, sie verändern nur ihre Form. Aus Fragezeichen werden Ausrufezeichen. aus einem "wann" wird auf einmal ein "dann"... Deine Gedanken zücken ihre Notizblöcke und schreiben mit. Als du endlich klarer siehst, stehst du auf und betrachtest noch einmal den Fluss. Du kannst die Kröten hören. Die Sonne steht knapp über dem Horizont und zeichnet noch schnell ein Lächeln auf dein Gesicht.
Wieder zu Hause gehst du zuerst ins Badezimmer. Dein Spiegelbild sieht entsetzlich aus, müde und grau wie eine ausgehungerte Kanalratte. Aber die Tätowierungen sind verschwunden. Am liebsten würdest du die wiederhergestellte Ruhe genießen und dich ins Bett legen. Du weißt jedoch, dass das nicht geht. Also setzt du dich an den Schreibtisch und sortierst Gedanken und Notizen. Dann klopft es an der Tür. Es ist ein leises, gnädiges Klopfen. Wer hätte das gedacht? Bevor du öffnest, drehst du dich noch einmal um. Die Angst hockt in einer Ecke des Zimmers und knurrt im Schlaf. Du atmest noch einmal tief ein, greifst nach der Türklinke - und triffst deine erste Entscheidung.
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© Brit Krostewitz
