Neues - Kurzprosa: Stigmata.

Es hätte so schön weiterplätschern können. Doch dann wachst du auf und musst dich plötzlich entscheiden. Nein, nicht nur, welche Unterhose je nach Stimmung und Wetterlage denn heute die richtige ist. Noch bevor du die Augen aufschlägst, weißt du, es geht um mehr. Es geht um dich und dein Leben. Eben das, was da vor dem Einschlafen noch geplätschert hat. Monate-, ja jahrelang. Jetzt klopft es eher, da in deinem Kopf. Es ist kein vorsichtiges, leises Klopfen, als wünsche jemand gnädigen Einlass in dein Hirn. Auch wenn du nie in einem Schmiedewerk warst – die Geräuschkulisse kannst du dir jetzt lebhaft vorstellen. Als du vor dem Spiegel stehst, siehst du es sogar. Irgendwer, oder vielleicht "irgendwas", hat dir über Nacht quasi die Stirn tätowiert. Datum, Uhrzeit, Ort – Entscheidungen wollen getroffen werden. Ja, richtig – gleich mehrere auf einmal. Die wollen nicht warten, bis du Zähne geputzt und geduscht hast. Die geben erst Ruhe, wenn du dich – na klar – entschieden hast.

Der Tag ist jedenfalls gelaufen. Noch vor dem Mittagessen verfällst du in selbstzweifelndes Grübeln. Was ist denn auf einmal so anders? Du warst doch bisher immer in der Lage, in derartigen Situationen Kopf und Bauch einfach arbeiten zu lassen. Antworten zu sehen, auch wenn der Turm der Fragen vor dir noch so hoch war. Alles in deinem Leben hat sich irgendwie "ergeben", ohne dass du dich quälen musstest. Dich und deinen Kopf, in dem es so schön plätscherte. Selbst wenn es gegen den Rest der Welt ging, der Weg war immer vorgegeben. Gegen den Strom zu schwimmen – eine deiner leichtesten Übungen. Aber doch bitte nicht in so einem trüben Gewässer… 

Nach gefühlten zwanzig Tassen Kaffee hat sich das Klopfen offenbar multipliziert und bricht sich an den Wänden um dich herum. Wie Ohrfeigen klatscht es dir ins Gesicht und schüttelt dir die Gedanken aus dem Kopf. Die meisten davon halten sich an fetten Fragezeichen fest, während sie vor deine Füße fallen. Du versuchst noch, den einen oder anderen aufzufangen, aber sie gleiten durch deine schweißnassen Hände und machen beim Aufprall ein sehr trauriges Geräusch. Am Ende stehst du bis zu den Knien in dem, was du einmal als dein Leben bezeichnet hast. Nichts davon ergibt mehr Sinn. Nichts davon scheint im Geringsten brauchbar zu sein, um den ungeduldig wartenden Entscheidungen alsbald zu begegnen. Du watest durch den wimmernden Haufen und schaffst es schließlich bis zur Tür. Dort angekommen, mit dieser plötzlichen Halbleere im Kopf, fallen sie dir wieder ein – deine Freunde. Die kannten sich doch immer ganz gut mit dir aus. Vielleicht wissen sie Rat, auch unter diesen Umständen. Die Erkenntnis, dass du wirklich dringend Hilfe brauchst, flattert wie ein aufgescheuchter blasser Falter vor deiner Nase herum, während hinter dir die Tür ins Schloss fällt.

Auf halber Treppe wirst du jäh gestoppt. Ein hektisch diskutierendes Grüppchen Treppenhausphilosophen versperrt dir den Weg. Als sie die Hinweise auf deiner Stirn entdecken – du hattest sie durch das brutale Klopfen im Hirn schon fast vergessen - dreschen sie dir ihre vorgespülten Phrasen um die Ohren (die sie Aphorismen nennen), denn sie wissen es ja sowieso besser und überhaupt. Was bisher ein willkommener Teil des Plätscherns in deinem Inneren war, empfindest du in diesem Augenblick nur noch als unerträglich und zeitraubend. Doch du bist viel zu verwirrt, um jetzt auch noch wütend zu werden. Während du dich zwischen ihnen hindurch drängelst, lässt du ein paar Ja’s auf die Stufen fallen, die deine Finger aus der Hosentasche geangelt haben. Dass du bisher alles andere als ein Ja-Sager warst, erweist sich in diesem Augenblick tatsächlich als Vorteil. Wie Geier fallen die auf Bestätigung fixierten Seelen darüber her, und du verschwindest durch die Haustür.

Da stehst du nun, auf der Straße, und bist dir gar nicht mehr so sicher, ob du dich in diesem Zustand überhaupt unter Menschen wagen solltest. Was, wenn alle anderen auch sehen, was dir ins Gesicht geschrieben steht? Was wenn sie mit dem Finger auf dich zeigen, lachen und sich lauthals an deiner Misere erfreuen? "Guckt mal, der da, der muss sich entscheiden! Na, so wie der guckt, hat er wohl ein Problem damit…". Als wärst du der Einzige, der sich einmal in seinem Leben nicht… Genau! Du bist garantiert nicht der Einzige. Dein Blick arbeitet sich von Passant zu Passant, suchend nach anderen tätowierten Köpfen. Doch bis auf ein paar Mützenträger, bei denen du dir nicht ganz sicher bist, scheint keiner dein Schicksal zu teilen. Die graue Masse rennt an dir vorbei und dir fällt das Plätschern wieder ein. Bis gestern noch wärst auch du in der Menge nicht aufgefallen. Du hast dein Leben gelebt, so wie es dir richtig erschien. Du hast gegessen, getrunken, geschlafen, geliebt und geträumt - und dich dabei auf den steten Singsang deiner inneren Stimme verlassen. Erst jetzt, da sie nicht mehr mal mehr ein hilfloses Krächzen zustande bringt, siehst du dich nach den anderen um. Doch anstatt dich anzustarren und auszulachen, laufen sie vorbei, ganz mit sich selbst beschäftigt. Ob sie dabei ein Plätschern oder ein Klopfen hören, wirst du wohl nicht herausfinden...

Irgendwas nimmt dir auf einmal den Atem. Als ob das Hämmern in deinem Hirn nicht schon Qual genug wäre, fühlst du den Strick, der um deinen Hals liegt. Angst und Zeit ziehen abwechselnd an beiden Enden und du meinst, sie miteinander tuscheln und kichern zu hören. Was sie sagen, verstehst du nicht, aber ein Wort klingt deutlich hervor: "Entscheiden!". Der Drang nach Befreiung und Erlösung treibt deine Füße voran. Ein einzelner Gedanke huscht wie eine geflügelte Fee vor deiner gezeichneten Stirn herum und weist dir den Weg. Runter zum Fluss, da musst du hin. Dort, wo die Zeit stillsteht, wo die Luft so klar ist, dass jegliche Angst verfliegt. Dort, wo deine Freunde sind. Dort wird man dir helfen, dort wirst du Ruhe finden und das Klopfen wird aufhören.

Das Flussufer liegt verlassen vor dir. Nur ein paar Kröten quaken einen Choral der Langeweile, aber das kannst du nicht hören. Das Klopfen ist inzwischen so stark, dass deine Schädeldecke rhythmisch bebt. Keiner deiner Freunde ist da. Du schickst einen fragenden Blick in den Himmel. Was die Leute auf der Straße nicht fertig brachten, erledigt jetzt die Sonne. Sie lacht dich aus. Sie lässt den Fluss flimmern und mit ihren Strahlen malt sie alberne Kringel in die Landschaft. Eindeutiger kann es nicht mehr werden - du bist vollkommen allein. Was bleibt dir jetzt noch? Als wollten sie dir diese letzte Frage beantworten, rollen Tränen über dein Gesicht. Entkräftet hockst du dich ans Wasser und schaust auf die spiegelnde Oberfläche. Ein tätowiertes Gesicht jammert dich an. Minutenlang bildest du mit ihm ein Duett der Trostlosigkeit. Doch während du den Tränenschleier von einer Seite zur anderen zu schieben versuchst, fangen die Zeichen auf deiner Stirn plötzlich an, sich zu bewegen. Nein, sie bewegen sich nicht wirklich, sie verändern nur ihre Form. Aus Fragezeichen werden Ausrufezeichen. aus einem "wann" wird auf einmal ein "dann"... Deine Gedanken zücken ihre Notizblöcke und schreiben mit. Als du endlich klarer siehst, stehst du auf und betrachtest noch einmal den Fluss. Du kannst die Kröten hören. Die Sonne steht knapp über dem Horizont und zeichnet noch schnell ein Lächeln auf dein Gesicht. 

Wieder zu Hause gehst du zuerst ins Badezimmer. Dein Spiegelbild sieht entsetzlich aus, müde und grau wie eine ausgehungerte Kanalratte. Aber die Tätowierungen sind verschwunden. Am liebsten würdest du die wiederhergestellte Ruhe genießen und dich ins Bett legen. Du weißt jedoch, dass das nicht geht. Also setzt du dich an den Schreibtisch und sortierst Gedanken und Notizen. Dann klopft es an der Tür. Es ist ein leises, gnädiges Klopfen. Wer hätte das gedacht? Bevor du öffnest, drehst du dich noch einmal um. Die Angst hockt in einer Ecke des Zimmers und knurrt im Schlaf. Du atmest noch einmal tief ein, greifst nach der Türklinke - und triffst deine erste Entscheidung.

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© Brit Krostewitz

 

Neues - Kurzprosa: Hasen.

Entschuldigung, Sie da oben. Was machen Sie da?

Ich lebe.

Was soll das heißen, Sie leben? Auf einem Hochhaus? Das ist doch Unsinn.

Nein, das ist es nicht. Mein Leben findet nun einmal hier statt.

Sie wollen mich an der Nase herumführen. Menschen leben nicht auf Häusern, sondern darinnen. Das kann doch kein Leben sein.

Was geht Sie das an?

Nun, ich habe Sie entdeckt. Auf einem Dach. Das gibt einem schon zu denken. Wieso halten Sie sich denn an dieser Mauer fest?

Weil ich Angst habe, loszulassen. 

Na sehen Sie. Mit Ihrem Leben auf dem Dach scheint offensichtlich etwas nicht zu stimmen. Sie haben Angst. Fürchten Sie, Sie könnten herunterfallen?

Ich weiß es nicht genau. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich fallen würde. Es ist eher die Angst, loszulassen und dann anders als bisher weiterleben zu müssen. Ich will hierbleiben. Ich will nicht loslassen. So einfach ist das.

Aber Sie müssen doch einmal da herunterkommen. Wie können Sie sich denn sonst um Essen und Trinken kümmern?

Dafür komme ich ab und zu herunter. Es gibt ja eine Treppe im Haus. Aber nur für eine kurze Zeit. Dann will ich wieder aufs Dach. Unten gefällt es mir nicht. 

Was ist denn schon besser, da oben?

Die Aussicht. Die Luft. Hier fühle ich mich frei.

Sie fühlen sich frei, obwohl Sie sich die ganze Zeit festhalten. Das ist paradox. 

Ich bin so frei, wie ich nur sein kann, von dem da unten. Das Festhalten nehme ich in Kauf. Ist nicht Ihr Leben ebenso paradox? Sie müssen sich nicht festhalten, aber dort unten sein. 

Na hören Sie mal - hier unten zu sein, ist ja nun einmal normal!

Warum?

Weil alle hier unten sind. Nur Sie nicht.

Vielleicht will ich ja nicht normal sein.

Was wollen Sie dann? Dass alle anderen zu Ihnen hinauf kommen?

Nein, natürlich nicht. Ich habe mich ans Alleinsein gewöhnt. Die anderen irritieren mich.

Na bitte, da haben wir es. Sie haben Angst vor anderen Menschen. Und das ist ganz bestimmt nicht normal.

Hören Sie damit auf. Ich habe keine Angst vor den Menschen. Früher, als ich noch da unten war, hatten sie eher Angst vor mir...

Ich habe keine Angst vor Ihnen. Ich kenne Sie ja nicht. Aber ich finde Sie höchstseltsam. Vielleicht sollte ich zu Ihnen kommen und Sie kennenlernen?

Haben Sie nichts Besseres zu tun? Bleiben Sie, wo Sie sind. Das hat doch keinen Sinn.

Wissen Sie was? Ich komme jetzt nach oben. Und dann sehen wir weiter.

Nein, lassen Sie das. Sie könnten herunterfallen. Sie sind das hier oben nicht gewohnt.

Was haben Sie gegen ein bisschen Gesellschaft? Wir könnten uns Geschichten erzählen oder zusammen essen. Dabei lernen wir uns kennen. An der Mauer ist doch noch genügend Platz.

Das ist meine Mauer. Wenn Sie darauf bestehen, komme ich eben für einen Moment herunter.

Obwohl es Ihnen hier nicht gefällt? Das macht auch keinen Sinn.

Dann gehen Sie doch einfach weiter. 

Dann bleiben Sie doch auf Ihrem Dach!

Ich hatte nichts anderes vor.

Ich sage es ja, mit Ihnen stimmt etwas nicht. Sie sind nicht normal.

Und Sie sind unten.

 ...

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© Brit Krostewitz

Neue Lyrik - Drucksachen.

Mangelware (oder ä?)

So weit will ich
mich nicht
verbiegen,
um geneigt genug
zu sein
zu sagen,
was man hören will.

Ich spreche aus dem Stand.
Aus dem festen am liebsten.

Kopfhoch, herzoffen,
mit der Wahrheit im Gesicht.

Egal, ob man
sich
oder mich
darauf verlässt.


Idee

Vielleicht werden wir
keinem erzählen,
wie es war,
als wir uns stumm umarmten.

Vielleicht wird es niemand erfahren,
wie wir uns neu erfanden
in einem Kuss.

Vielleicht werden wir uns
nicht erinnern,
wie unsere Augen
Glück definierten
in diesem Haus,
das wir Ewigkeit nannten.

Vielleicht wird es nie geschehen.


Die Zärtlichkeit der Türen

Wie wir an ihnen
ziehen
stoßen
reißen.

Selbst sie zu schlagen
scheuen wir nicht zurück
oder
wir laufen blind dagegen.

Und wenn sie sich wehren,
wundern wir uns.

Dabei ist oft
so simpel,
in welche Richtung
es geht.
Was sie wollen:

Drücken.

17-03-2011-ja-bitte

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© Brit Krostewitz

 

 

Neue Lyrik - Zurück... und vor.

Seitdem

Es ist nicht viel passiert,
seitdem du weg bist.
Ich wechselte täglich
mein Menschenkostüm,
verdammte all die Losigkeiten,
gab Fehlanzeigen auf,
machte ein paar Fernsprechübungen,
kratzte meine Bürsten
gegen den Strich,
ging ein paar Schritte
aus mir heraus,
landete auf weichen Polstern
in guten alten Zeiten
und fand schließlich
einen Glücksklee -
verendet zwischen zwei Buchseiten.
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Studie

So sauber die Landung,
so schief die Bahn.
Im Zweifel
eines Falles
fragt der Boden
nicht
immer
nach einem Grund.
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Der andere

Früher hätte er
sie einfach geküsst.
Wäre mit ihr durchgebrannt
ans Meer.

Früher hätte er
keine Fragen gehabt.
Bis auf die, die sich
mit einem Ja beantworten ließen.

Früher hätte er
seinem Gefühl getraut.
Und ihr,
und sich.

Heute
kannte er sich aus.
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Hoffnungsbloß

Es ist zum
Verrücktgewesenseinwerden.
Verwundelt von
deinem Zauderstab
traumele ich
durch Merkwürdigzeiten.
Mein Gesicht
schmerzverziert
operiere ich
meine verengten
Herztanzgefäße.
Zwischen
Gedächtnisglücken
und
Wimpernwunschpusten
gieße ich mich
in die neue Tagesform.
Die Erwartezeit
ist vorbei.
Wohin soll das 
noch fühlen?
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Vergehen

Von mir aus der Appetit
oder die Angst.
Manchmal auch
Hören und Sehen.
Am Ende sogar
die Zeit.
Aber niemals
das Lachen!

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© Brit Krostewitz

 

Neue Lyrik extra - Mondnächtens.

Noctiluca

 

Ein Sehnen umstundet alles

im silberweißen Schein

der alten Göttin

Luna Plena

umfasst von schwarzem Saum.

 

Kein Traum will heute fallen

ins ruhelose Sein,

nach Wahrheit suchend

zieh’n Gedanken

zur Mondin weit im Raum.

 

Noch schwebt in ihrem Zauber

so mancher Augenblick -

doch sie gibt jeden

nachtverloren

der Ewigkeit zurück.

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© Brit Krostewitz

 

Neue Lyrik - Was ins Gewicht fällt

 

Rückblick.

Und dann reicht

die Erinnerung

an einen Moment

des Haltens

im Haltlosen

die Gewissheit

die dich klein macht

und schwach

weil er

nicht wiederkommt

wenn alle Dämme

brechen.

 

Nähe

ist manchmal

nur

ein Platz

im

Irgendwo.

 

 Einsicht.

Du siehst dein Eines

Ich sehe mein Eines

während wir uns

ansehen

tropft die Zeit

uns ins Gesicht

Wir finden

alles und nichts

am Ende

bleibt

die Sinnsucht

 

Stillstand.

Ich zwischen

Räumen

unfähig

zu gehen

unsicher

zu bleiben

Ich zwischen

Wofür

Und

Wogegen

renne weiter

mit dem Kopf

gegen die Tür

Wozu

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© Brit Krostewitz

 

Neue Lyrik - Fluchtpunkte vs. Standpunkte

Fleisch und Blut (für M.)

Von deinem Nabel
gelöst -
meine eigene Welt.

Aus deiner Hoffnung
geboren -
mein eigener Weg.

Aus deinen Ängsten
erwachsen -
mein eigener Mut.

In meinem Spiegel
wiederholt -
dein Gesicht.

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Fluchtpunkt

Gewürgt ergriffen
Selbstlosigkeitsanstrich
fein säuberlich
gerupft
zum Guten und Besseren
Schlechtes eingetopft
Häutung
grenzwertig
unkenntlich gemacht
Kopf ab
ausbluten
Ende.

Lass' mich.
Ich will atmen.

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Zwei

Spiegelbilder
in
Scherbenhaft,
Blauperiodisch
picassoesk.
Tränenersatz -
Flüssigkeit
in 
dunklen
Zwischenträumen,
tropfenweise -
Nahlebenerfahrung
in 
Klopfzeichen.

Herzschlagabtausch.

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Relief

Gefühlsebenen
begrenzt von
Verstandserhebungen.
Befindlichkeitspunkte
verweisen auf
Sinnentiefen.
Ertragsflächen,
durchbrochen von
Verluststrecken.

Relief.
Kartografiertes Ich.

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Traum A.

Ich habe meine
atemlose Kinderseele
hinübergerettet
ins Jetzt.
Noch immer
wird sie verfolgt
von Rattenschwanzrosetten
und gepfiffenen
Vergleichsweisen.
Vielleicht erholen
wir uns nie.
Sie sich nicht
vom Gestern,
ich mich nicht
vom Heute.
Doch nur mit ihr
ist es ein Leichtes,
Himmel und Hölle
zu spielen
auf all den 
schwarzen Löchern,
und bewaffnet mit
Stein, Schere und Papier
all den
Nebelscheinmonstern
täglich
den Kampf
anzusagen.

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© Brit Krostewitz

 

 

 

Neue Lyrik - Augenworte

Im Dunkeln zu spielen.

Bebauchpinselt mit
nachtschattigen
Signalfarben,
die Schabernacken
entzündet von
flammenverspielten
Augenworten,
bockspringen wir
spannungsverbogen
im Einszweidreieck
und reizfluten einander
die Herzlustkammern.
Blindlinksundrechts
Erkenntnis funkend
rennen wir uns so
die letzten
Torheiten ein.

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Abgang. (Nach drei Gläsern Wein auch zu singen.)

Ich versumpfe.
Mein Selbstwert
schlurft
rückhaltlos
immer tiefer
in den Morast.

Mein Ego klatschnass.
Mein Verstand blubbert Blasen.

Mein Herz
greift noch
hilflos
nach dem letzten
Ast.
Zu spät.
Ich versumpfe.

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Oder so.

Meine psychosoziale
Perzeption
versetzt deine
konkrete Individualität
anhand von
multiplen
Sympathiefaktoren
in einen variabel
positiven
Kontext.

Will sagen -
(aber ich trau' mich ja nicht)
Ich mag dich.

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 © Brit Krostewitz


 

Auf ein Neues - Worte (Kurzgeschichte Oktober 2010)

Worte

Er hatte es kommen sehen. Er hatte immer gewusst, dass es eines Tages passieren würde. Zwischen den seltenen Momenten, in denen ihm die Hoffnung wieder einfiel, war ihm nahezu lückenlos klar gewesen, wie die Sache ausgeht. Und jetzt war es soweit. Ihm fehlten die Worte. Alle Worte. Was für andere nur ein sprichwörtlicher Zustand gewesen sein möge, war für den alten Mann jetzt das traurige, aber wahre Ende seiner eigenen Geschichte. Denn das letzte Wort war soeben verstorben. Er lag da und blickte in den Himmel. Der kleine Mann von früher zuckte noch einmal kurz in ihm zusammen und löste sich dann auf. Jetzt gab es nur noch den leeren, wortlosen Alten, an dem nichts mehr an damals erinnerte. Nicht einmal ein angedeutetes Blitzen auf der milchig-grau verschwommenen Iris.

Irgendwann wird mal einer kommen und fragen, hatte er noch vor nicht allzu langer Zeit gedacht. Und dann werde ich nicht mehr genug Worte haben, um es zu erklären. Heute war diese vorletzte Erkenntnis ebenso endgültig im Jenseits verschwunden wie das allerletzte Wort. Er hatte es noch halten wollen. Festhalten, zurückziehen, sich daran festklammern, es am Leben halten, es retten. Doch die Mörder des Wortes waren so skrupellos gewesen, so glatt, dass er an ihrer kalten Hülle nur so abrutschte und nicht die geringste Chance hatte. Er war ja doch nur ein greises Abbild des kleinen Mannes aus der Vergangenheit, kraftlos und der Worte beraubt, bis auf eines. Dieses eine hatten sie ihm nun auch noch genommen. Auf seiner Stirn vermischte sich ein Schweißtropfen mit schmierigem Blut. Die messerscharfen Worte der anderen hatten ihn treffsicher verletzt. 

Wie sieht das aus, wenn ein Wort stirbt? Vergeht es still und unbemerkt? Ist es einfach plötzlich nicht mehr da, und dem, der es aussprechen will, stockt der Atem, weil er es nicht mehr finden kann? Zerfällt es in seine Bestandteile, und man verzweifelt letztendlich daran, dass einem auf einmal nur noch einzelne Silben, ja nur mehr Buchstaben über die Lippen kommen? Oder stirbt ein Wort unter hörbaren Schmerzen, bäumt sich ein letztes Mal auf, schreit sich selbst noch einmal heraus? Alles ist möglich, wusste der alte Mann. Alles hatte er erlebt. So verschieden wie Worte sein konnten, so verschieden wie Menschen sich an ihnen vergingen, so verschieden können die allerletzten Minuten eines Wortes sein. Am Anfang, ganz am Anfang, als der Mann noch der kleine Junge mit einem riesigen Schatz war, seinem Schatz an Worten, hatte er eines Tages mit wundgeschlagenem Hinterteil und weiten Augen dagestanden und erschrocken mit ansehen müssen, wie das erste seiner Worte in einem Tränenmeer ertrank. Es fiel einfach hinein, er hatte es ja nicht vorausahnen können. Es gluckste noch ein paarmal an der Oberfläche, versuchte vergebens, sich Luft zu verschaffen, bis es letztlich einfach unterging. In diesem Augenblick wusste der kleine Mann noch nicht, wie ihm geschah und dass zu jedem Anfang auch immer ein Ende gehört.

Viele seiner Worte waren in den darauffolgenden Jahren bösartigen und ebenso dummen Mördern zum Opfer gefallen. Sie wurden zertreten wie morsche Zweige im Wald. Erstickt, zerrissen oder totgeschlagen wie überzählige Katzenjunge auf dem Nachbarshof des Großvaters. Wen kümmert’ schon, wenn so ein kleines Wörtchen verschwindet? Wen kümmert’s, wenn’s einem anderen fehlt? Der Mann hatte schnell begriffen, dass er seinen Schatz sorgsam hüten musste. Die Mörder lauerten überall. Und wenn es wieder einmal einem gelungen war, ihn eines Wortes zu berauben, dann war er tagelang zu Hause geblieben, hatte sich in seinem abgedunkelten Zimmer eingeschlossen und geschrieben. Er schrieb so viele Worte wie möglich auf, die ihm noch geblieben waren. Worte waren gern beieinander, auch das wusste der Alte schon, als er noch ein kleiner Mann war. Er hatte beim Schreiben zusehen können, wie sie sich alsbald zu kleinen tuschelnden Grüppchen zusammenfügten, Sätze oder gar ganze Abschnitte bildeten. Sie tanzten zu seiner Freude über’s Papier und er las sie sich alle selbst vor. Laut und voller Spannung, welchen Sinn sie wohl diesmal ergeben würden. Dann war er für einen Moment ganz still. Und die Worte waren es auch, denn sie wussten warum. All das Sammeln und Aufschreiben und Vorlesen und Freuen war nie wirklich von Dauer. War ein Wort gestorben, dann fehlte es auch auf dem Papier. Dann war es unwiederbringlich ausgelöscht, für ewig und alle Zeit. Immer wenn der Mann die knittrigen blassgelben Blätter aus der Schublade seines Schreibtischs nahm, die er schon beschrieben hatte, fingen seine Hände an zu zittern und sein Herz klopfte schmerzhaft einen anderen Takt. Er starrte in die Lücken zwischen den Worten wie in offene Gräber. Weg, wieder einfach weg, dachte er. Manchmal hatte er überlegt, ob er in seinem Schatz nicht Ersatz finden könne. Aber er wollte keine Worte in offene Gräber werfen. Er wollte keine Ersatzworte aufschreiben. Jedes Wort war kostbar und einzigartig. Also legte er die Blätter still für sich trauernd immer wieder zurück an ihren Platz.

Von Zeit zu Zeit hatte er sogar das eine oder andere Wort geschenkt bekommen. Von freundlichen Leuten, die bemerkt hatten, wie wertvoll und lieb ihm Worte waren und die gewillt waren mit ihm zu teilen. Davon gab es wirklich nicht viele. Auch das hatte er im Laufe der Jahre gelernt. Jedesmal hatte er sich mit einem aufgeregten Schwall an Worten aus seinem Schatz bedankt. Dabei blitzten seine Augen vor Freude. Dann hatte er das Neue stets hastig dazugesteckt. Da war ja auch immer diese Angst, es könne ihm gleich wieder abhanden kommen. Nur einmal, als aus dem kleinen gerade ein junger Mann wurde, hatte er ein Wort ganz besonders lang betrachtet und heimlich wieder und wieder ausgesprochen. Von morgens bis abends hatte er sich damit beschäftigt, so dass andere Worte seines Schatzes schon argwöhnisch dazwischen und mittenhinein platzten, um ihn davon abzulenken. Es war aber auch ein besonders schönes Wort, fand er. Und er hatte es von einem besonders schönen Mädchen bekommen. Das mussten die anderen Worte doch verstehen, dass er sie da ab und zu ein bisschen vergaß. Auch dienten sie in diesem Fall kaum dazu, eine Beschreibung für das Wort zu formulieren. Es ließ sich vielleicht um-schreiben, aber nicht be-schreiben. Es beschrieb sich nämlich am allerbesten durch sich selbst. Das haben besondere Worte so an sich. Genau wie besondere Mädchen. Das wusste er ganz genau. Jetzt hatte der Mann also einen Schatz im Schatz und ein besonderes Mädchen dazu. Eins, das lächelte und vor Freude tanzte wie die Worte auf dem Papier, als er ihm seinen Schatz offenbarte. Irgendwann erzählte er ihm sogar von den Mördern und den gestorbenen Worten und den Gräbern auf dem Papier. Da wurde auch das Mädchen ganz still und umarmte ihn fest.

Das Mädchen mochte den Mann so sehr, dass es sehr lange bei ihm blieb. So lange, bis es längst kein Mädchen mehr war. Doch für ihn blieb es so besonders und schön wie am Tag ihres allerersten gemeinsamen Wortes. So wie auch er in sich drin der kleine Mann geblieben war, der manchmal aufgeregt zappelte, und dann wieder achtsam und vorsichtig Worte einsteckte. Zusammen kümmerten sie sich nun um den Schatz. Füllten ihn mit allen großen und kleinen, lauten und leisen, alten und jungen Worten, die ihren gemeinsamen Weg kreuzten. Das Mädchen war nicht nur schön, es war auch klug und gütig. Hatten sie ein Wort verloren, durch einen gemeinen Mörder, die ja immer noch hinter jeder Ecke lauerten, saß der Mann an seinem Schreibtisch und das Mädchen saß auf einem Stuhl vor seiner verschlossenen Tür und wartete. Wartete einfach ab, bis der Mann getan hatte, was er nun mal tun musste. Oftmals hatte es dabei darüber nachgedacht, ob es nicht einen Weg gäbe, das Sterben so vieler Worte zu verhindern. Aber gegen die hinterhältigen und kalten Mörder konnte auch ein Mädchen nichts tun. Es konnte nur da sitzen und für den Mann da sein, der seinen wunderbaren Schatz beschützte und pflegte wie eine geliebte Schar Kinder. Richtige Menschenkinder hatten sie nie bekommen. Doch darüber mochte das Mädchen, das eigentlich keins mehr war, nicht nachdenken.

Noch etwas hatte der Mann über die Jahre gelernt. Manche Worte sahen nicht immer gleich aus. Sie veränderten sich mit der Zeit. Es gab einige, die hatten ihn funkelnd und blinkend angestrahlt, als er sie zum ersten Mal wahrnahm. Genau wie die seltenen neuen Münzen, die der Großvater ihm zuweilen zugesteckt hatte.Wenig später verloren einige Worte jedoch ihren Glanz oder wurden sogar ausgesprochen trübe und unansehnlich. Deshalb mochte er sie nicht weniger, denn sie waren ja Teil seines Schatzes. Andererseits vermied er dann, sie zu oft hervorzuholen und schob sie lieber immer wieder von einer Ecke in die andere. Manche von ihnen ließen sich das nicht gefallen. Sie kamen dann ungefragt hervor und erinnerten ihn daran, dass sie noch da waren. Gestört hatte ihn das immer nur ein bisschen. Bis zu dem Tag, als eine Handvoll dieser Worte ihm zu verstehen gaben, dass er bald wieder allein sein würde. Draußen vor der Tür auf dem Stuhl war aus dem Mädchen eine fröstelnde alte Frau geworden, die irgendwann auch nicht mehr da sitzen und warten konnte, bis der Mann jedes einzelne ihm noch verbliebene Wort aufgeschrieben und laut vorgelesen hatte. An jenem Tag war sie vor Schwäche plötzlich umgefallen und die unmissverständlichen Worte lagen wie Schatten auf ihrem blassen Gesicht. Der Mann hatte sie ins Bett getragen und sie in seinen Armen gehalten, bis sie keinen Atem mehr hatte. Und zum ersten Mal merkte er, dass ihm Worte fehlten. Nirgendwo in seinem Schatz fand er auch nur ein einziges Exemplar, dass hätte erklären können, was er jetzt fühlte. Wenn ein Mensch stirbt, dachte er, macht das auch eine Lücke. Eine im Herzen. Auch das Grab, in das man die Verstorbene dann legte, war viel tiefer als die Wortgräber auf seinen Blättern in der Schublade. Er mochte gar nicht hinabsehen, als er mit der Schaufel ein wenig Erde hineinwarf. Mit jedem kleinen Haufen Erde fiel auch ein kleiner Haufen Worte hinunter auf die hölzerne Kiste. Vor allem schöne Worte, die er zusammen mit ihr gefunden hatte, verschwanden im Dunkel. Der Mann bemerkte es nicht. Denn er konnte in diesem Augenblick nur an ein einziges Wort denken. Das besonderste und schönste Wort, dass er in seinem Schatz verbarg. Das Wort seines Mädchens.

Seit diesem Tag hatte sich alles für den Alten verändert. Nichts konnte den Verlust der vielen Worte aufwiegen. Er bekam auch keine mehr geschenkt. Er war lange Zeit gar nicht mehr unter Menschen gegangen und der kleine Junge in ihm hatte das Zappeln inzwischen aufgegeben. Wagte er sich doch einmal nach draußen, begegnete er immer wieder den skrupellosen Mördern, die selbst vor einem schweigsamen Alten nicht halt machten. Er verlor immer mehr an Kraft und immer mehr Worte musste er ihrem traurigen Schicksal überlassen. Immer weniger schrieb er auf und die Lücken auf dem Papier wurden immer größer. So hatte man ihn am Ende fast um seinen gesamten Schatz gebracht. 

Zuletzt hatte er mit weniger als einer Handvoll Worte am Grab des Mädchens gestanden. Da waren sie gekommen. Die kalten glatten Mörder, die ihm keine Chance ließen, wenigstens diesen kargen Rest seines Schatzes bis zu seinem eigenen Ende zu bewahren. Sie hatten böse gelacht und ihn angeschrien mit ihren eigenen scharfen Worten, die sie wie Stichwaffen einsetzten. Der alte Mann konnte sich nicht wehren. Ein Wort nach dem anderen entrissen sie ihm und zerfetzten es vor seinen Augen. Als sie das allerletzte Wort entdeckten, klammerte er sich noch einmal mit all der ihm verbliebenen Kraft daran fest. Dieses sollten sie nicht auch noch kriegen. Es war das Wort seines Mädchens. Das besondere Wort. Das konnten, das durften sie ihm nicht nehmen. Doch dann verspürte er plötzlich einen spitzen Stich ins Herz und fiel auf die kalte Erde des Grabes. Mit weit aufgerissenen Augen, wie damals als kleiner Mann, sah er das Wort zwischen den Mördern sterben. Es brannte wie ein Feuerball in der Luft, bis es in einer grauen Aschewolke verging. Dann wurde es ganz still.

Lange nachdem die Mörder verschwunden waren, lag der alte Mann immer noch auf dem Mädchengrab und rührte sich nicht. Er blickte in den Himmel, der grau und leer war wie er selbst. Nichts erinnerte an damals, als ein Junge aufgeregt zappelnd Worte in einem riesigen Schatz verbarg. Nicht einmal ein angedeutetes Blitzen auf der milchig-grau verschwommenen Iris. Es war unwiederbringlich erloschen, wie all die Worte in ihm. 

So fand man ihn kurze Zeit später und brachte ihn in ein Krankenhaus, in dem er nicht länger als einen Tag blieb, bis er verstarb. Keiner fragte nach dem Grund. Er war ja nur ein alter einsamer Mann, der nicht sprach. Man setzte ihn neben dem Grab bei, auf dem er gefunden worden war. Ohne Grabstein, ohne Worte. Dann war der alte Mann vergessen. Nur ein Polizist wunderte sich am folgenden Tag sehr, als er in einer Schublade eines Schreibtischs in einem abgedunkelten Zimmer, vor dessen Tür ein alter durchgesessener Stuhl stand, einen großen Stapel knittrige, blassgelbe leere Blätter fand.

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© Brit Krostewitz

Neue Lyrik - Darf's ein bisschen Meer sein? (Oktober 2010)

Schmerzgrenze

 Nimm mir den Atem, Baby.

 Drück’ alle Luft aus mir heraus,

noch fester,

und schnüre meine Kehle ab.

Du kannst das doch so gut.

 

Reiß’ mir das Herz raus, Baby.

Lass’ es zerspringen,

zerplatzen

und bluten bis zum letzten Tropfen.

Du weißt, dass ich das brauche.

 

Zerstöre mich ganz, Baby.

Kratz’ mir die dünne Haut auf,

zerfleische mich

und schlag’ mir meinen Schädel ein.

Erst dann bin ich wirklich.

 

Nur eins tu nicht, Baby.

Wag es bloß nicht,

niemals,

mich ernsthaft zu berühren.

Dafür bin ich zu schwach.

 

Herbst – Anfang

Wind trocknet Tränen -

normalerweise.

Das ist gut so.

Heute holt er sie raus

aus mir.

Aus der letzten Lache

meiner Erinnerung.

Aus dem hintersten Winkel

meiner verdammten

Sprachlosigkeit.

Vertrocknete Lippen

schmerzen

und reden nicht viel.

Jetzt lösen

salzige Bäche

den verfluchten Knoten

im Kopf.

Alles im Fluss.

Der Wind

bringt alles zurück -

die Tränen,

die Gedanken,

die Worte.

Und das ist gut so.

 

Ende gut. (Das Lied von der Apfelpause)

So eine

wollte sie niemals werden.

So eine

sagte der Vater

kommt ja nicht weit.

So eine

sagte die Mutter

Hat es nicht leicht.

 

So eine

konnte man kaum beschreiben

So eine

sagten die einen

sieht es nicht ein.

So eine

meinten die anderen

bleibt doch allein.

 

So eine

ist sie am Ende geworden.

So eine

schwor sie sich selbst

bleibe ich auch.

So eine

sagte nur er ihr

hab ich gebraucht.

 

Bürgerschreck

 Wenn mir einer sagt,

ich solle nicht

verrückt spielen,

kläre ich ihn gern auf

 

- flüsternd,

mit wilder Gestik

und irrem Blick -

 

er möge sich

in acht nehmen,

denn

das sei

echt.

 

Poseidons Braut

Wenn ein Augenblick

den Horizont

verschwimmen lässt

 

Jedes denkbare Gefühl

mich davonträgt

wie eine Welle

um dann

über mir zu brechen

 

Wenn Worte

Wolkenmäntel tragen

und Sehnsucht nur

noch Rauschen ist

 

Ich Tage, Stunden

und Sekunden

zähle

wie Sandkörner

auf meiner Hand

 

Wenn ich zeitlosen

Spuren folge

und mir Flügel wünsche

für den Weg

zu dir

 

Dann weiß ich wieder

warum ich

das Meer so sehr

liebe.

 

Schluss - Szene

Küchentisch.

 

Ein Name

auf einem

Schuhkarton.

 

162 Fotos.

13 Briefe.

1 Ring.

 

Er hatte die Tür.

Hinter sich.

 

Sie hatte nur

Scherben.

 

Zwei Liebende

 im Park

umarmten sich -

während sie

langsam verblutete..

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 (© Brit Krostewitz)